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„Meine Frau ist der Boss – aber nicht weitersagen!“ - Ulms Da’Sean Butler als Daddy Cool im Interview

– ratiopharm ulm

Da’Sean Butler läuft im dritten Jahr für ratiopharm ulm auf. Im Interview spricht er über die Knieverletzung, die seine NBA-Karriere verhinderte, den Einfluss seiner Söhne und seiner Familie generell und seinen College-Spitznamen „Mr. Clutch“.

Da`Sean, es ist deine dritte Saison in Ulm. Wie würdest du dein Leben in dieser Stadt beschreiben?

Da’Sean Butler: Ich würde sagen, ich mag die Stadt von Jahr zu Jahr mehr. Sie hat die perfekte Größe, nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Gerade bei schönem Wetter kann man in Restaurants draußen sitzen und die Sonne genießen. Hier gibt es viele tolle Menschen, ob alt oder jung – sie sind meistens sehr nett. Es ist einfach eine schöne Stadt. Das macht es leicht, mich hier wohl zu fühlen. Meine Familie liebt es auch hier. Wenn ich mit ihnen in den USA bin, sagt mein Sohn immer: „Ich kann es kaum erwarten, nach Hause zu kommen!“ Für ihn ist Deutschland sein Zuhause und mein jüngerer Sohn ist sogar hier geboren. Ich habe eine sentimentale Bindung zu dieser Stadt. Wir genießen es hier.

Nach dem College ist Ulm deine längste Station als professioneller Basketballspieler. Liegt das nur an deiner Familie?

Das würde ich nicht sagen. Ein gewohntes Umfeld ist sehr wichtig. Es hilft dir, dich wohl zu fühlen. Ich genieße es, mit dem Flugzeug zu reisen. Ich war schon als Jugendlicher viel unterwegs – als Sportler reist du eben viel. Also bin ich es gewohnt, jedes Jahr an anderen Orten zu sein. Jetzt haben wir aber einen Platz gefunden, den wir mögen. Die Situation hat gepasst und dass meine Familie es hier auch toll findet, ist das Sahnehäubchen für mich persönlich. Warum etwas über den Haufen werfen, wenn es gut läuft?

Welche Rolle spielt die Geburt deines zweiten Sohnes Donovan in diesem Kontext?

Ulm ist der einzige Ort, den er kennt. Das gilt auch für meinen älteren Sohn. Als er vier Monate alt war, lebten wir in Belgien. Danach sind wir für ein Jahr nach Frankreich gegangen. Er kann sich an diese Zeit nicht mehr erinnern, aber er erinnert sich an Deutschland. Er kennt meine ehemaligen Mitspieler wie Augustine Rubit oder Raymar Morgan und meine derzeitigen Mitspieler Trey Lewis, Ryan Thompson und Per Günther. Er liebt Per.

Hört sich so an, als ob die Butlers eine Bilderbuchfamilie wären. Welche Rolle spielst du zu Hause?

Meine Frau sucht alles aus und ich entspanne mich (lacht). Wenn wir beispielsweise in den Urlaub fahren wollen, entscheidet Megan wohin es geht und welche Sehenswürdigkeiten wir uns ansehen. Ich bin eher der gemütliche Typ – wenn es nach mir ginge, könnten wir auch den ganzen Tag zu Hause verbringen.

Megan ist also der Boss bei euch?

Bis zu einem gewissen Grad (lacht). Sag ihr das aber bitte nicht.

Dass du überhaupt noch Basketball spielst, hast du ja auch deiner Familie zu verdanken, oder?

Sie waren einer der Gründe. Ich liebe es zu spielen. Ich muss nicht, aber ich liebe es. Das war der Hauptgrund, warum ich nach vielen Verletzungen wieder zurück aufs Parkett wollte. Ich habe mich als Trainer versucht und es war cool. Ich habe es genossen, aber zur selben Zeit wollte ich lieber spielen und den Jungs auf dem Feld helfen. Ich habe meinen Spielern immer alles so erklärt, als ob ich selbst spielen würde – nicht nur mit Worten, wie andere Coaches es machen.

In einer älteren Ausgabe der OrangeZone (2015/16 #2) hast du einmal erzählt, wie wichtig es dir war, dass dein ältester Sohn Drae dich spielen sieht.

Das war der Teil, über den ich vorher gesprochen habe. Ich liebe es, wenn mir Drae beim Spielen zusieht. Als er geboren wurde, war ich ein Assistant Coach. Alles, was er von mir als Spieler kannte, waren Videos. Jetzt sitzt er auf der Tribüne mit all den Fans und schaut zu. Er trifft jeden Spieler und erinnert sich hoffentlich später daran. Für mich ist das sehr wichtig.

Du hattest eine furiose Collegekarriere und wurdest als NBA First Round Pick gehandelt. Dann kam alles anders. Erinnerst du dich heute noch an den Wendepunkt?

Die Verletzung ist eines der Dinge, die einfach passieren. Damals war es sehr hart. Wenn man später darüber nachdenkt, was ich nicht gerne mache, nervt es dich. Aber es gab so viele schöne Dinge, die seitdem geschehen sind. Ich kann mich nicht beschweren. Ich habe einen großartigen Job, darf immer noch Basketball spielen, habe eine tolle Familie, zwei großartige Jungs, eine wunderbare Frau, gute Freunde. Der einzige Unterschied ist die Liga: NBA oder BBL – aber eigentlich ist das auch egal.

Auch wenn du nicht gerne darüber nachdenkst: Wann hast du die Bilder von deiner Verletzung zuletzt gesehen?

Ich habe sie oft genug gesehen. Ich hatte ein ganzes Jahr Zeit dafür. Wenn ich sie mir jetzt ansehe, sind es einfach nur Bilder, die man überall sehen kann. Bilder von mir, auf denen man sieht, wie ich mich verletze.

Was machen die Bilder mit dir?

Heute beachte ich die Bilder nicht mehr. Ich habe sie schon so oft gesehen. Anfangs hat es mich genervt, weil es mich daran erinnert hat, wie weit oben ich einmal war. Was soll’s! Jetzt interessiere ich mich nicht mehr dafür. Es ist eben passiert.

Gibt es ein „Was wäre wenn“-Szenario in deinem Kopf?

Das gab es mehr als ein Jahr lang. Was wäre, wenn das nicht passiert wäre? Aber am Ende des Tages fokussiere ich mich auf das, was ich jetzt machen kann. Wenn ich mir nur Gedanken über das „Hätte-Hätte“ machen würde, könnte ich mich nicht auf meine Familie, meine Freunde oder meinen Job konzentrieren. Ich kannnichts daran ändern.

Letztes Jahr spielst du mit ratiopharm ulm die beste Hauptrunde der Geschichte. Dann verletzt du dich und wie zu Collegezeiten gibt es wieder keinen Titel! Machst du dir Vorwürfe deswegen?

Nein, ich meine, mein Daumen ist gebrochen, weil jemand draufgeschlagen hat (lacht). Ich fühle mich nicht schuldig, keiner ist es. Das Jahr zuvor, als wir im Finale standen, war ich gesund und wir sind trotzdem nicht Meister geworden.

Da'Sean Butler

Da'Sean Butler

NBA oder BBL – aber eigentlich ist das auch egal.

Glaubst du an Schicksal?

Zu einem gewissen Grad. Ich lasse mich trotzdem nicht davon abhalten, das zu tun, was ich machen will, bis mich das Gefühl überkommt, damit aufzuhören. Ich glaube nicht, dass mein gebrochener Daumen ein Zeichen dafür ist, mit dem Basketball aufzuhören. Genauso wie ein verstauchter Knöchel kein Zeichen ist.

Hast du schon mal von Numerologie, also der Bedeutung der Zahlen gehört?

Numerologie? Erklär mir das bitte.

Deine Trikotnummer 17 steht in der Numerologie für Hoffnung und Licht am Ende des Tunnels. Warum hast du dir diese Nummer ausgesucht?

Es ist interessant, dass du fragst. Normalerweise trage ich die Nummer eins. Doch das kann ich hier nicht, da der Hase (unser Maskottchen) sie schon trägt. Also musste ich eine andere nehmen. Nummer sieben war schon an Josh (Joschka Ferner) vergeben. Ich habe lange nach einer Nummer gesucht. Meine Frau wollte unbedingt die sieben und dann haben wir die zwei Nummern einfach zusammengelegt. Ihr Geburtstag ist übrigens am 17. März – also kann ich mit der Nummer 17 gut leben.

Wenngleich deine Knieverletzung schon fast fünf Jahre zurückliegt, spielst du noch immer mit dieser monströsen Bandage. Ist die Bandage ein Muss oder mehr ein Talisman für dich?

Nein, kein Talisman. Ich brauche sie. Bis jetzt habe ich mit der Bandage keine Knieverletzung erlitten. Es gibt keinen Grund, ein Risiko einzugehen. Ich muss nichts beweisen. Ich weiß zwar, dass meine Knie stark genug sind. Trotzdem möchte ich es nicht riskieren. Seitdem ich die Bandage trage, habe ich mich nicht mehr verletzt.

Du änderst regelmäßig deine Frisur. Allein in dieser Saison hast du deinen Look schon drei Mal geändert. Gibt es dafür einen Grund?

Bis vor zwei Jahren hatte ich immer sehr lange Haare, genau wie mein ältester Sohn. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr darauf und habe sie geschnitten – die von Drae ebenfalls. Aber nicht alle Leute mochten seine neue Frisur, das hat er mitbekommen und angefangen seine Haare zu hassen. Also habe ich meine Haare mit ihm zusammen wachsen lassen. Wer seine Frisur nicht mochte, mochte meine auch nicht. Nun ist er an einem Punkt angelangt, wo er seine Haare liebt und viele andere mögen sie auch. Er braucht meinen Support nicht mehr, also habe ich meine wieder abgeschnitten. Er ist jetzt selbstbewusst und das ist alles, was ich für meine Kinder möchte.

Dann warst du ein Vorbild für deinen Sohn?

Was auch immer nötig ist, damit er selbstbewusst ist und sich glücklich und stark fühlt, tue ich. Er ist mein Sohn.

Die Sache mit deinen Haaren und deinem Style: Ist das dein Markenzeichen?

Ich denke, eines meiner Markenzeichen ist es, meine Haare ab und an zu verändern. An einem Tag trage ich sie so und am nächsten Tag anders. Das ist mein Ding.

Gibt es da Vorbilder, Leute die dich beeinflussen?

Ehrlich gesagt möchte ich viel ausprobieren und tue das auch. Ich möchte lieber im Leben viel versucht haben, als später, wenn ich beispielsweise keine Haare mehr habe, sagen zu müssen, dass ich es gerne ausprobiert hätte, als ich noch Haare hatte. Ich mag es, Dinge auszuprobieren und lasse mich von anderen Meinungen nicht beirren. Ich bin alt genug, um das zu tun.

Immer wenn man dich sieht, hast du ein Lächeln im Gesicht. Warum gibt es keinen traurigen oder wütenden Da‘Sean Butler?

Oh bitte, du kannst den Coach fragen, dass ich auch meine Launen habe. Aber wenn ich Basketball spielen kann, bin ich meistens glücklich. Dasselbe gilt, wenn meine Familie bei mir ist. Ich kann mich nicht beklagen, weil es eigentlich nicht vorgesehen war, dass ich noch spiele, aber ich tue es. Ich verdiene gutes Geld mit einem großartigen Team in einer großartigen Stadt, in die ich nie gegangen wäre, wenn ich nicht Basketball spielen würde. Das Leben ist toll. Meine Familie ist gesund. Meinen Freunden geht es gut, gerade denjenigen, die in Amerika spielen. Tim (Ohlbrecht) ist auf dem Weg der Besserung. Die meisten in unserem Team sind gesund und verletzungsfrei. Jeder macht seine Arbeit gut. Ich kann mich über nichts beklagen.

Erinnerst du dich eigentlich noch an deinen College-Spitznamen „Mr. Clutch“?

Das war eine tolle Zeit!

Hast du dir diesen Spitznamen selbst gegeben?

Nein, niemals. Ich bin keiner, der sich selbst einen Spitznamen gibt. Ich finde Spitznamen werden dir von Freunden oder Menschen gegeben, die dich mögen. Man lässt sie sich von ihnen oder der Familie geben und dann bleiben sie auch.

Was ist dann dein Spitzname im Team?

Ich habe keinen, Gott sei Dank. Hier hat mir keiner einen Spitznamen gegeben. Ich bin einfach Da‘Sean oder Dae.

Kannst du dich an eine Szene in Ulm erinnern, in der du das Gefühl von Mr. Clutch hattest?

Lass mich nachdenken. Im letzten Jahr haben wir zu Hause gegen Kuban (Lokomotiv Kuban Krasnodar) gespielt. Das Spiel ist bis in die Verlängerung gegangen. Ich glaube, Chris hat mir in der Crunchtime den Ball gepasst, nachdem ich einen Block gestellt hatte und ich nahm einen Wurf, bei nur noch 30 Sekunden auf der Uhr. Ich erinnere mich an das Spiel. Aber auch Chris und Kubans Mardy Collins haben danach jeweils noch getroffen. Es hat Spaß gemacht, weil wir gegen ein tolles Team gespielt haben und sie von einem großartigen Trainer gecoacht wurden. Wir waren letzte Saison auch ein tolles Team und haben das Spiel letztendlich sogar gewonnen. 

Wie fühlt sich ein Last-Second-Shot an?

Ich empfinde nichts dabei. Es ist ein Wurf wie jeder andere. Natürlich sind die Momente danach sehr besonders. Aber bis es zu dem Moment kommt, versuche ich, nicht darüber nachzudenken und mich auf den Wurf zu konzentrieren. Man sollte nicht an die Momente danach denken, bevor man nicht geworfen hat. Man sollte einfach spielen. Ein Teil des Last-Second-Shots zu sein, macht sehr viel Spaß und es ist schön, das Vertrauen deiner Mitspieler zu spüren. Es ist einfach ein großartiges Gefühl, das man noch lange in sich trägt.

Da'Sean Butler

Da'Sean Butler

Wenn ich Basketball spielen kann, bin ich glücklich.

Du scheinst dich hier wohl zu fühlen, hast für dich und deine Familie für den Moment den perfekten Platz gefunden. Hast du jemals ein perfektes Spiel gespielt?

Meinst du, ob ich jemals in einem Spiel nicht verworfen habe? Einmal, als ich am College gespielt habe, da gab es ein Spiel, in dem ich acht von acht Dreiern getroffen habe. Das hat mich gepusht. Das habe ich einmal geschafft, seitdem nie wieder. Es ist schwer, so etwas zu wiederholen.

Gab es für dich in Ulm ein Spiel, das fast perfekt gelaufen ist?

Natürlich. Ich hatte eine Vielzahl an Spielen, in denen ich dachte, dass dies oder jenes sehr gut lief und ich gut gespielt habe. Es gab Spiele, in denen ich defensiv stark war, den Ball in wichtigen Situationen erkämpft oder viele Körbe geworfen habe. Es gab schon Momente – speziell letzte Saison oder das Jahr davor –, als ich dachte: das war jetzt ein perfektes Spiel für mich. Mir reicht es, wenn ich meinen Teil zum Teamerfolg beitragen kann. Es muss nicht immer das Scoring sein. Es kann auch etwas ganz anderes sein. Wenn wir gewinnen, ist es perfekt.

Da‘Sean Butler macht also alles, was das Team und die Familie brauchen, um glücklich zu sein?

Ich mache alles, was hilft. Mir geht es immer darum, zu helfen. Wenn ich dabei noch ein paar Sachen machen kann, die gut aussehen– umso besser!

Dieses Interview erschien im OrangeZone Magazin #2 2017/18.